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Familie 4.0

Elternbefragung der KAB zeigt Konkurrenz von Arbeitswelt und Familienleben – Das dominante Ergebnis der KAB-Elternbefragung ist, dass 2/3 aller 1.790 befragten Eltern sich „mehr Zeit“ für das Familienleben wünschen. Darüber hinaus bestimmen die Eltern differenzierte Bilder an Wünschen und Forderungen an Gesellschaft und Politik. Auffällig dabei ist, dass mehr als die Hälfte aller Eltern für sich selbst formulieren, dass sie bei einer entsprechenden finanziellen Absicherung mehr eigene Zeit für die Betreuung ihrer Kinder aufbringen wollen. Vor dem Hintergrund der Diskussion um die „Arbeitswelt 4.0“ wird hier eine besondere Herausforderung für Unternehmen, Kitas und Familien erkennbar. An dieser Frage wird die KAB zusammen mit der Hochschule Aschaffenburg weiter die Zukunft erforschen.

Ehrenamtlich engagierte Eltern der KAB im Kreis Miltenberg wollten es wissen: Welches Arrangement von Kinderbetreuung wünschen sich die Eltern selbst? - Hintergrund ist eine öffentliche Debatte, die weitgehend über die Köpfe der Eltern hinweg definieren will, ob die familiäre Eigenbetreuung oder die professionelle Fremdbetreuung nun das bessere Modell für Kinder, Eltern und Familien darstellt. Christine Hartlaub beschreibt die Entwicklung: „Vor wenigen Jahren wurden Eltern, die ihr Kind in die Krippe gaben noch als „Rabeneltern“ diffamiert. Heute dagegen kommt schnell das Wort „Helikoptereltern“ im Umlauf, wenn ein Kind weitgehend selbst zuhause betreut werden soll.“ Darüber hinaus gibt es ein erkennbares Bündnis von Sozial- und Wirtschaftspolitik, in der eine weitgehende Fremdbetreuung vor individueller Arbeitslosigkeit und unternehmerischen Arbeitskräftemangel schützen soll. Albrecht Seidl betont, „dass auch das bayerische „Betreuungsgeld“ keine echte Alternative darstellt, weil sich die Eltern damit komplett für oder gegen eine Krippe entscheiden müssen – und damit individuelle Mischmodelle ausgeschlossen sind. Genau das wiederum verlangt die Perspektive einer „Arbeitswelt 4.0“ die Eltern und deren Kinder mehr Flexibilität für die Zeiten und Orte der Erwerbsarbeit abverlangen wird.“

In diese Gemengelage hinein formulieren nun 1.790 Eltern ihre eigene Sichtweise. Insbesondere engagierte Mitglieder der KAB haben ihren persönlichen Kontakt zu Krippe, Kita, Hort genutzt und mit viel Unterstützung aus den Institutionen die Befragung möglich gemacht. Im Ergebnis kann hier eine qualifizierte Aussage zu den Entwicklungswünschen der Kinderbetreuung von Eltern getroffen werden, die

  • mit Kindern im Alter von 1-10 Jahren,

  • deren durchschnittlich 1,96 Kinder,

  • zeitweise institutionell betreut werden,

  • die der deutschen Sprache mächtig sind,

  • am bayerischen Untermain wohnen oder arbeiten und

  • die sich die Zeit genommen haben, einen Fragebogen zur Familiensituation auszufüllen.

Die regionale Beteiligung spiegelt einen Schwerpunkt am bayerischen Untermain wieder, wobei Stadt und Land gleichermaßen repräsentiert sind:

Region

Anzahl Institutionen

Anzahl Rückläufe

Lkr. Miltenberg

19

681

Lkr. Aschaffenburg

15

568

Stadt Aschaffenburg

8

309

überregional

6

199

Internet

 

33

Generelle Erkenntnisse der Auswertung sind:

  • Das Topthema der Eltern ist „Mehr Zeit“ (65%), gefolgt von „Mehr Geld“ (44%) und „Mehr Entscheidungsfreiheit und Flexibilität (38%).

  • Die Eltern sind in hohem Maße zufrieden mit den öffentlichen Betreuungsangeboten (87%).

  • Höchste Zufriedenheitswerte für die Gesamtsituation der Betreuung zeigen paarerziehende Eltern in der Kombi­nation Vollzeit-Teilzeit-Erwerb (40%). Gepaart mit einer gehobenen Einkommenssituation steigert sich der Wert noch einmal erkennbar (55%).

  • Um ihre eigene Wahlfreiheit zu erhöhen, wünscht sich die Hälfte aller Eltern erweiterte staatl. Geldleistungen (53%).

  • Höchste Werte für „Mehr private Betreuung“ zeigen Paarerziehende im Doppelerwerb (50%) sowie Getrennterziehende in Vollzeit (75%).

  • Um ihre eigene Erwerbsbeteiligung zu verbessern, wünscht sich ein Teil der Eltern (11%) den Ausbau öffentlicher Betreuungsangebote.

  • Höchste Werte für „Mehr öffentliche Betreuung“ zeigen Paarerziehende mit nur einem Vollzeit-Erwerb (20%) sowie Getrennterziehende in Teilzeiterwerb (22%). Diese Situationen korrelieren auch mit dem erhöhten Anteil bei Geringverdienern (19%).

  • Eltern, die ihre Kinder schon jetzt in Ganztagsbetreuung haben, wünschen sich vermehrt (68%) den weiteren Ausbau der Betreuungslandschaft.

Darüber hinaus gab es einige Auffälligkeiten, die es zu erwähnen gilt:

  • Das Alter oder die Anzahl der Kinder hat offenbar kaum Einfluss auf die Wünsche der Eltern zur Weiterentwicklung der öffentlichen Unterstützung (+/- 5 %).

  • Selbst Eltern mit betreuungsintensiven Kindern sind nicht mehr und nicht weniger zufrieden mit der öffentlichen Unterstützung als andere Eltern (+/- 5%).

  • Ein Teil der Eltern (10% Land / 18% Stadt) hat keine oder kaum familiäre oder nachbarschaftliche Betreuungsmöglichkeiten im direkten Umfeld.

Die öffentliche Diskussion dieser Ergebnisse in Elsenfeld (Lkr. Miltenberg), Aschaffenburg (Stadt) und Johannesberg (Lkr. Aschaffenburg) bestätigte die Notwendigkeit, vertieft nach den Motivlagen und Randbedingungen für die unterschiedlichen Orientierungen zu fragen. Dabei erscheint es sinnvoll, nicht nur die aktuelle Sichtweise zu erforschen, sondern die erwartbaren Entwicklungen der Arbeitswelt in die Diskussion zu integrieren. Eine Projektgruppe um Prof. Dr. Carsten Reuter an der Hochschule Aschaffenburg hat sich zusammen mit der KAB bereits auf den Weg gemacht, die Möglichkeitsräume der öffentlichen Kinderbetreuung unter den Bedingungen der Arbeitswelt 4.0 zu untersuchen. Eltern, Fachkräfte und Verantwortungsträger von Krippe, Kita, Hort werden befragt, um den strukturellen Rahmen ab zu stecken und Widersprüchlichkeiten auf zu decken. Am Samstag, den 1. April werden die Ergebnisse die Grundlage für das „EngelbergGespräch“ sein. Im Kloster Engelberg bei Großheubach diskutieren geladene Expertinnen und Experten sowie die anwesenden Bürgerinnen und Bürger unter der Überschrift „Familie 4.0 – wie der Wandel der Arbeitswelt unser Familienleben verändert“ die Entwicklungsaufgaben für Familien und für die Ausgestaltung von lokalen Betreuungsangeboten.

Für die Wahlen zum Deutschen Bundestag will die KAB gemeinsam mit engagierten Eltern nach konkreten politischen Strategien für mehr Wahlfreiheit und Selbstbestimmung von Eltern suchen. Ein Modell das dabei zur Diskussion steht, ist das von der KAB untersuchte „Grundeinkommen für Erziehungsleistungen“. In Ergänzung mit einer Weiterentwicklung der öffentlichen Kinderbetreuung und dem integrierten Ansatz einer „Caring Community“ (=sorgende Bürger- und Kommunalgemeinschaft) könnte hier auch für die Eltern eine konstruktive Entwicklung eingeläutet werden.

Rudi Großmann

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